Leon Reichardt ist Nachwuchsspieler beim VfB Stuttgart 

Holzgerlingen. Wenn ich groß bin dann werde ich… Vor Jahren lauteten die Antworten meist Tierärztin, Pilot, Lokführer oder Fußballer. Heute sind es Berufe wie Modell, YouTube-Star, Schauspieler oder - immer noch – Sportprofi.

Von unserer Redakteurin Rut Katzenmaier

 

ReichardtLeonAuch bei Leon Reichardt stand der Berufswunsch schon früh fest: „Fußballspielen war für mich schon immer das Größte. Mein Vater spielt seit Jahren und mit meinen zwei jüngeren Brüdern hatte ich jederzeit Mitspieler auf unserer Spielstraße. Mit fünf Jahren wusste ich schon, dass Fußballprofi mein Wunschberuf ist.“

Spielstraße und Bolzplatz auf Hülben reichten natürlich nicht lange für den ambitionierten Jungen. Bald schon spielte er erfolgreich für die Holzgerlinger Sportvereinigung. Aber auch die Schule wurde nicht vernachlässigt: 2014 wechselte er von der Berkenschule aufs Schönbuch-Gymnasium.

Vom Straßenkicker über die Spvgg zum VfB-Nachwuchstalent

Gymnasium alleine ist für manche Kinder und Jugendliche schon Stress pur. Gerade die zunehmende Stundenzahl im G8, das selbstständiges Erarbeiten von Themen und das Lernen auf die Arbeiten – alles braucht Zeit. Bei vielen Jugendlichen stellt sich deshalb spätestens nach den ersten nicht so tollen Noten die Frage, was Priorität hat: Schule oder Sport.

„Ich bin kein Einser-Schüler – eher guter Durchschnitt, was die Noten angeht“, sagt Leon von sich selbst. „Von daher hat es bis letztes Jahr relativ gut geklappt mit dem Spagat zwischen Training und Schule. Durch die Fahrerei war es aber schon ganz schön stressig“

Der Fußball bestimmt das Familienleben der Reichardt-Männer

Der älteste der drei Reichardt-Brüder war bereits früh als guter Spieler aufgefallen und in das Fußballer-Team der Kreisbesten aufgenommen worden. Dort wurden dann die Sichter des VfB auf ihn aufmerksam und boten ihm die Aufnahme in den Nachwuchskader an.

Aber erst mit 12 Jahren - nachdem er am Schönbuchgymnasium festen Fuß gefasst hatte - startete er mit seinem wöchentlichen Training als Innenverteidiger beim VfB: 3mal pro Woche jeweils 1,5 Stunden.

HotzeVfBDamit auch Jugendliche daran teilnehmen können, die nicht in Stadionnähe wohnen, beginnt das Training üblicherweise erst gegen 17 Uhr. Seit Beginn des aktuellen Schuljahres spielt Leon in der U15 des VfB – das bedeutet sogar 4mal Training die Woche.

„Und das war dann wirklich zu viel zum Pendeln“, stellt Leon selbstkritisch fest. „Aus diesem Grund habe ich zu Schuljahrsbeginn die Schule gewechselt und bin jetzt auf einem G9-Gymnasium in Fellbach. Da komme ich auch morgens gut mit der Bahn hin.“

Die Schule selbst ist eine private Gesamtschule des Kolping-Bildungswerks, die eine Kooperation mit dem Fußballclub eingegangen ist. In Leons Gymnasial-Klasse befinden sich außer ihm noch 4 angehende Spieler, zwei davon nutzen die Schule als Internat, Leon und die anderen zwei Sportler pendeln abends nach Hause.

Die Vorteile für diese Zusammenarbeit liegen auf der Hand: Lehrer und Trainer sind im steten Kontakt, jeder weiß, wie es im anderen Lebensbereich läuft und kann deshalb auch individuell nach Rücksprache mit allen anderen Beteiligten auf den Schüler beziehungsweise Spieler eingehen, wenn Probleme auftreten.

ReichardtLeon1Schule so wichtig wie Fußball

Zudem finden die Trainingseinheiten teilweise auch zu anderen Zeiten statt: „Montags und Dienstags haben wir meistens ab 11 Uhr Frühtraining auf dem Platz neben dem Stadion oder aber im Kraftraum“, erzählt der inzwischen fast 15jährige Leon. „Anschließend Mittagspause und dann je nach Tag Erdkunde, NWT, Gemeinschaftskunde oder aber Latein und Deutsch in einem Raum auf dem Trainingsareal beziehungsweise in Arbeitsbereichen in der Gegengerade des Stadions.“

Die Unterrichts-Materialien erhält er von seinen Schulkameraden über die Klassen-App oder aber einer der betreuenden Pädagogen bringt sie direkt mit. Jeweils ein Mathematik- und ein Deutschlehrer sind als Ansprechpartner vor Ort – auch ältere Mitschüler helfen nach Leons Aussagen gerne:

„Vieles erarbeiten wir in kleinen Gruppen und können jederzeit die Lehrer oder andere Schüler fragen. Wenn eine Klassenarbeit ansteht, bei der ich unsicher bin, kommt sogar oft ein Fachlehrer, der mir ganz konkret bei dem Thema hilft. Das ist dann schon fast Luxus gegenüber anderen Schulen.“

Leons Arbeit für die Schule findet inzwischen überhaupt nur noch vor Ort statt. Kein Wunder, denn morgens um 6:40 Uhr geht er aus dem Haus und kommt abends erst etwa gegen halb neun Uhr nach Hause. Für Hausaufgaben oder das Lernen auf Arbeiten wäre es dann definitiv zu spät.

Dieses Prozedere ist auch für den Verein enorm wichtig, „damit sich die Spieler einerseits gut auf ihren Sport konzentrieren können aber eben auch eine gute Schulgrundlage für ihre Zukunft haben“, betont Oliver Otto, Teamleiter Bildung und Erziehung. „Wir übernehmen deshalb auch die Kosten für die Privatschule für unsere Jugendlichen bis zum Schulabschluss – unabhängig davon, wie lange sie als Spieler für den Verein aktiv sein können.“

Spaß durch die Nähe der Profis und der Turnierreisen ins Ausland

Bis es soweit ist, genießt Leon die Vorteile als angehender Fußballer: „Es ist toll, dass man immer wieder die Profis von nahem sehen kann und auch, dass manche Turniere weiter weg sind und man deshalb andere Länder und Kulturen erlebt. Das macht einfach Spaß.“

Ein Spaß, den er vielleicht bald mit seinem jüngeren Bruder Elia teilen kann, denn der scheint genauso talentiert zu sein wie Leon und trainiert inzwischen ebenfalls beim VfB.


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