Flüchtlinge auf der Schönbuchlichtung

Flüchlingsfamilie

Holzgerlingen. Die Eidgenossen sind laut World Happiness Report 2015 die glücklichsten Erdenbürger. Deutschland liegt auf Platz 26 und Schlusslicht sind Staaten wie Afghanistan und Syrien.

Jeder, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, kann nachvollziehen, dass Menschen aus den betroffenen Ländern flüchten wollen. Terrorgruppen wie der Islamische Staat oder auch Bürgerkriege ermöglichen nun einmal kein normales Leben.

Bild links: Endlich wieder ein richtiges Zuhause - die Familie Kassem ist in Holzgerlingen glücklich. Text+Foto: Rut Katzenmaier

 

Nawaf Kasem und seine Frau Adla Hamed sind seit zehn Jahren verheiratet. Die Familie kommt aus Derek einer kleinen Stadt im Nord-Osten von Syrien. Er arbeitete als Englischlehrer an einer staatlichen Schule, sie kümmerte sich um Haus und Kinder. Alles in allem eine gut bürgerliche Familie mit bescheidenem Wohlstand – bis zum arabischen Frühling. „Ich war bei den Demonstrationen mit dabei. Wir wollten mehr Freiheit, Fortschritt und einen politischen Wechsel. Das Land ist rückständig – wir sind etwa 100 Jahre hintendran. Korruption und Willkür ist an der Tagesordnung – das sollte sich ändern!“, erinnert sich der 43jährige.

2011 war noch alles friedlich. 2013 spitzte sich die Situation zwischen Demonstranten und Regime zu. Nawaf trat der Freien Armee bei: Organisation von Nahrungsmitteln und Kundschafterdienste gehörten zu seinen Aufgaben. Kampfhandlungen? Der Moslem berichtet nicht viel, aber wer ihm aufmerksam zuhört und beobachtet, ahnt, dass er Dinge gesehen haben muss, die ihn bis heute belasten: Seine Gestik wird fahrig, der Redefluss stockend – erst, wenn das Gespräch wieder auf seine neue Heimat Holzgerlingen kommt, lässt die sichtliche Anspannung nach.

Mitte August 2013 flüchtete er mit seiner Familie in den Irak, wo er im Camp in Kawargosk zuerst als Übersetzer und später als Koordinator für eine italienische Organisation arbeitete. „Ein trostloser Ort“, sagt er. „Keine Zukunftsperspektive, ein Leben im Flüchtlingslager und die Verantwortung für meine Frau Adla, unsere zweijährige Tochter Iman und unseren, seit einer Hirnhautentzündung behinderten, Sohn Mohamed.

Glück im Unglück: Sein Bruder lebt und arbeitet bereits seit 12 Jahren in Deutschland. Der Familienvater fasst den Entschluss, in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Die „Flucht“ ist unspektakulär: Mit den letzten Ersparnissen geht es ganz legal am 6. September 2014 per Flugzeug in Richtung München.

Nach einem langen Weg durch die verschiedensten Auffanglager in Deutschland lebt die inzwischen fünfköpfige Familie (Sohn Aman ist ein halbes Jahr alt) in einer Wohnung in Holzgerlingen. Sie haben das Aufenthaltsrecht und Familienvater Nawaf Kasem startet jetzt mit einem Vollzeit-Deutschkurs an der VHS durch. Er hat sich auch schon genaue Gedanken zu seiner beruflichen Zukunft gemacht: „Ich würde gerne als Übersetzer arbeiten. Ich spreche Arabisch, Kurdisch, Englisch und demnächst auch Deutsch – da gibt es doch sicher Bedarf!“ Text+Foto: Rut Katzenmaier

 

Wußten Sie schon, dass…

…der Landkreis Böblingen im Jahr 2014 knapp 1000 Flüchtlinge aufgenommen. Bis zu 80 % davon sind nach Aussage von Experten aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert.

Untergebracht sind die Flüchtlinge momentan in 20 Gemeinschaftsunterkünften in neun verschiedenen Städten und Gemeinden des Kreises. Dort bleiben sie bis über den Asylantrag entschieden wurde - jedoch maximal zwei Jahre. Anschließend geht es in die Anschlussunterbringung, für die Kommunen zuständig sind. In Holzgerlingen wird vermutlich bis Ende 2016 auf dem Areal des ehemaligen Wertstoffhofs ein weiteres Gebäude mit Wohnmöglichkeiten für bis zu 70 Personen entstehen – dieses wird an den Kreis vermietet und zählt dann zu den offiziellen Gemeinschaftsunterkünften im Raum Böblingen.

Die Betreuung der Flüchtlinge erfolgt unter anderem durch ehrenamtliche Helfer des Arbeitskreis Flüchtlinge. Sie unterstützen als Paten bei Behördengängen, Deutschunterricht und dem Sich-Zurechtfinden in einem fremden Land. Auf der Schönbuchlichtung besteht weiterhin dringend Bedarf an ehrenamtlichen Helfern und an Wohnraum für Familien. Bei Interesse kann der Jugendreferent der Stadt Holzgerlingen, Peter Cramer, weitere Auskünfte geben.

 


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