Transeuropäischer Viehtransport

Gequälter Schweinerüssel

 

Ein Video brachte alles in‘s Rollen – Metzgerbetriebe und Gastronomen verstreiten sich um das Wohl der Schlachttiere, Kunden und Gäste – Weitere Videos zeigen teilweise katastrophale Zustände in den Ställen der Mastbetriebe

Fotos oben: Gedränge auf einem Viehtransporter, gequälter Schweinerüssel
PPM-Bilderarchiv

Die Ereignisse im Gärtringer Schlachthof gaben einen Einblick in eine Branche von der man gehofft hatte, dass in lokalen Schlachthöfen die Welt noch in Ordnung ist. Seit dem Corona-Ausbruch in Europas größter Fleischfabrik steht das „Nahrungsmittel Fleisch“ unter besonderer Beobachtung. Mit Recht. Verbraucher-Organisationen, Tierschützer, Mediziner, Bauern sowie das Metzger-Handwerk beanstanden schon seit vielen Jahren die Zustände in der Branche. 

Ruinöse Erzeugerpreise, Reklame der Discounter mit Niedrigstpreisen, die teilweise tierverachtenden Stallungen und Tötungsfabriken, die Bedingungen bei Transporten und die Antibiotika-Futterbeigaben sind bei Schweine- und Rindermasttieren Gang und Gebe – alles um am Ende einen billiger Kilo-Preis im Laden zu erzielen.

 

Sau mit FerkelEs gibt aber auch Bauern und Metzger, die ihren Beruf sehr ernst nehmen, weitestgehend das Tierwohl im Fokus haben und vom PPMagazin nicht kritisiert werden, die zum Beispiel den Nachweis über die Herkunft der Schlachttiere erbringen können. Nur die Landwirtschaftsministerin scheinen die schon lange bekannten Mängel nicht zu stören. Das PPMagazin hat zwei Metzger und einen Küchenchef - bewusst keine Verbraucher - befragt was zu tun ist, um die Fleisch-Produktion aus der öffentlichen Kritik zu bekommen.

 

 

 

 

KleinHaraldHarald Klein aus Weil im Schönbuch, meint: „Die Diskussionen beschäftigen mich schon lange. Aber was kann ein einzelner tun? Ich kenne von jedem meiner Bauern den Stall und die dortigen Mastbedingungen. Tierwohl, mehr Geld für die Schlachtviehbauern auf der einen Seite und billiges Fleisch auf der anderen Seite sind unvereinbar und die Politik ist offensichtlich machtlos“. 

 

 

 

 

 

HähnleMichiAug2020Michael Hähnle aus Altdorf wird konkreter: „Fleischpreise unter dem Herstellungspreis sind in Deutschland verboten. Eines ist klar und das müssen wir den Verbrauchern vermitteln ‚qualitativ hochwertiges Fleisch aus artgerechter Haltung‘ wird immer einen gewissen, sprich höheren Preis haben“. Die Lebensmittelindustrie und Discounter hätten hier schon über Jahre hinweg neue Fakten am Markt geschaffen. Das mache es dem Metzgerhandwerk sehr schwer. Deshalb sollte der Staat bessere Rahmenbedingungen schaffen. Hähnle bezieht seine Schlachttiere seit über 15 Jahren aus ökologischer und artgerechter Haltung zu angemessenen Preisen für die Bauern. Das kommt letztendlich dem Tierwohl zu Gute.

 

 

Wenn beim Bauern ‘mehr ankommt‘ könne sich das auf die Fleischqualität unter dem Gesichtspunkt Tierwohl auswirken. „Fleisch darf nicht unter dem Selbstkostenpreis gehandelt werden“, so Harald Klein, „eine Kontrolle durch den Staat ist aber abwegig, weil sich der Staat aus solchen Dingen raushalten sollte“, und meint weiter: „Aber einen jährlichen runden Tisch besetzt mit Fachleuten der Erzeuger, Verarbeiter, Handel und Verbraucher könnte ich mir vorstellen. Dieses Gremium bestimmt die ‚Fleischrichtpreise‘ für die Erzeuger, denn für diese müssen nachhaltig bessere Verdienstmöglichkeiten geschaffen werden. Dadurch steigen die Preise für Fleisch- und Wurstwaren heimischer Produktion. Das wäre der Anfang einer vernünftigen Vorgehensweise, denn ruinöse Verkaufserlöse für die Bauern treiben diese in die Insolvenz oder zur Aufgabe“.

Sind Nachweise an der Ladentheke zur Herkunft der Schlachttiere hilfreich? Darauf antwortet Michael Hähnle: „Unsere Kunden erhalten jederzeit Auskunft zur Herkunft der Tiere und des Schlachtorts, Tipps zur Wahl des passenden Fleisches für ein bestimmtes Gericht und auch Empfehlungen zu Garzeiten“. Transparenz sei gerade jetzt wichtig und wird von Hähnles tagtäglich gelebt. Wer die Bedürfnisse der Kunden ernst nimmt, wird die Fragen gerne beantworten. „Der tägliche Austausch und das persönliche an der Theke zeichnen das Metzgerhandwerk in den kleinen Betrieben aus“.

Von Berufswegen befasst sich Küchenmeister Joachim Pollak vom Altdorfer Restaurant „Leibspeiserei“ mit der finalen Zubereitung von Fleischgerichten. „Mir sind im Interesse der Tiere und letztendlich des Fleischgeschmacks kurze Transportwege in den Schlachthof sehr wichtig. Also nicht belastet mit Stresshormonen und bei gesunden Tieren ohne Antibiotika. Inzwischen verwenden wir nur deutsches Fleisch, hier gemästet und geschlachtet. Das Fleisch meines Lieferanten stammt aus südwestdeutschen Bauernhöfen und damit habe ich gute Erfahrungen gemacht“, so Gastronom Pollak. Das seien Edelstücke für Steaks, Rostbraten und Schnitzel. Über vieljährige Erfahrungen sei hier Vertrauen gewachsen und „die Gäste schätzen unser gutes Preis-/Leistungsverhältnis“. Leber, Nierle, Kutteln, Backe, Zunge und dergleichen finden in der Leibspeiserei ebenso dankbare Gäste.

Kommentar   von Manfred Wanner

Mai2019ManfredDas Thema Tierwohl hat durch die jüngsten Ereignisse am Schlachthof Gärtringen – direkt vor unserer Haustür – an Bedeutung zugenommen. Wir vom PPM hatten das Thema fast abgeschlossen, als im Internet die erste Nachricht über den Skandal im Schlachthof publiziert wurde. Die Reaktionen im Net waren eindeutig. Es folgten teilweise halbherzige Statements der Metzger, die in Gärtringen schlachten lassen. Die Stellungnahmen des Landratsamtes waren so eindeutig, dass wohl am Ende die Schweine und Rinder selbst schuldig sind. Wir rechnen mit keinen disziplinarischen und strafrechtlichen Folgen für die Verantwortlichen. Schlachthof-Geschäftsführer Wilhelm Dengler wird das Bauernopfer werden, damit der Landwirtschaftsminister Peter Hauk, der Landrat und die Veterinäre „unschuldig“ bleiben.

 

 

Da kann einem der Appetit vergehen

Mahner und Kritiker von Missständen kommen oft selbst in Kritik. Auf der Flucht nach vorne werden wir von den Verursachern der aufgetretenen Missstände angegriffen. „Nestbeschmutzer, Linker Grüner, hat noch nie was gearbeitet, der ist gegen die Arbeitsplätze oder der kommt sich besonders gescheit vor“ – um nur einige noch mild klingende Verunglimpfungen zu nennen. Als Journalisten haben wir es oft schwer im Interesse der Leser/innen und Verbraucher zu belastbaren Informationen zu kommen. Eigentlich wollten wir nur über das Tierwohl in den Mastställen berichten. Mit zufälliger Unterstützung von Fakt/ARD wurde aus einem vermeintlich kleinen, sprich lokalen Skandal ein riesengroßer. Seit Mitte August waren wir dran und wussten, dass in Gärtringen etwas faul ist. Auf telefonische Anfrage beim Geschäftsführer hieß es damals "keine Zeit, ich rufe zurück". Nix ist passiert Manchmal müssen Zufälle Dinge zusammenfügen, die dann ein Bild ergeben.

 


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