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Dr. Björn Schittenhelm (Bild) im Gespräch mit dem PPMagazin

BjörnPortrait2019Das Einzelhandelsgewerbe in ländlichen Kleinstädten und Gemeinden hat es im Speckgürtel von Einkaufsmetropolen, Diskounteransiedlungen und Outlet-Zentren zunehmend schwer sich zu behaupten. Die Politiker werden dabei nimmer müde den inhabergeführten Betrieben zu versichern, wie wichtig sie für die Nahversorgung der Bevölkerung seien. Das mag sein, aber indirekt schaffen die politischen Rahmenbedingungen die traditionellen Einzelhandelsbetriebe ab.

Das fängt an bei der ungerecht geringen Besteuerung von Konzernen wie Amazon und endet bei den zahllosen bürokratischen Auflagen für die kleinen Händler in nahezu alle Branchen. Im Gegenzug dürfen die Lieferfahrzeuge aller Online-Händler „wild an fast jeder Stelle entlang unserer Straßen“ parken und unsere Verkehrswege mit zirka 100 000 Fahrzeugen als „mobiles Lager“ benützen. Und jetzt kommen auch noch die politisch gewollten Radwege dazu.

 

PaarEINKAUFBetrachtet man die Betriebe auf der Schönbuchlichtung genauer, werden Tendenzen sichtbar, die das nahende Ende von so manchen Fachgeschäften anzeigen. Nachfolger-Probleme, Verkehrs- und Parksituation im Umfeld des Geschäftes, keine transparenten Öffnungszeiten, Schaufensterauslagen – denen vielfach die Kreativität fehlt – in der Summe die Folgen einer vieljährigen Entwicklung. Gleiches gilt für die Innenstädte von Böblingen und Sindelfingen.

Die Beispiele Reutlingen, Tübingen, Esslingen sowie der Kleinstädte Nagold und Herrenberg liefern andere Erkenntnisse. Äußerst aktive Händler und Dienstleister, Werbegemeinschaften und kommunale Verwaltungen rücken mit gemeinsamen Aktionen und zeitgemäßen Infrastrukturmaßnahmen ihre Leistungen ins Blickfeld kaufkraftstarker Konsumenten aus dem Umland. Letztere folgen am Ende den Lockrufen der Anbieter und pilgern regelmäßig von ihren Wohnorten und Lebensmittelpunkten in die vorgenannten Städte, sei es zum Wochenmarkt, in die dortige Gastronomie, zu Kultur-Events, verlängerte Öffnungszeiten und dergleichen.

 

 

 

 

SchittenhelmApothekeEine pikante Note bekommt die gegensätzliche Entwicklung bei uns im Schönbuch, wenn man den Takt der Schönbuchbahn von der kaufkraftstarken Region „Schönbuch“ in Richtung Stuttgart verdichtet. Der Nutzen für die Pendler und das Klima sind unbestritten und war wohl auch angestrebt, weil sinnvoll. Dabei vergaß man eine vorhersehbare negative Entwicklung für die lokale Wirtschaft und somit die Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinden. Ein klassisches Beispiel: Man tut auf der einen Seite Gutes und kassiert an anderer Stelle ungewollte Rückschläge. Mit Folgen, die die Verbraucher an ihren Wohnorten erst im Laufe der Zeit zu spüren bekommen. Eine durchaus diskussionswürdige Entwicklung, über die wir mit dem erfolgreichen Holzgerlinger Geschäftsmann und Apotheker Dr. Björn Schittenhelm (Foto), zugleich Stadtrat der FWV sprachen.

 

PPMagazin: Herr Schittenhelm, wie gehen die Geschäfte bei Ihnen? Sie sind ja bekannt, dass Sie in Ihrer Branche teilweise neue Wege gehen. Aus purer Not oder weil Sie weitblickend das tun, was man tun muss um in Ihrer Branche zu überleben?

Schittenhelm: Wir sind sehr zufrieden. Das hat seine Gründe. Der Handel muss neue Wege gehen um zu überleben. Die IT-Technik und Digitalisierung hat bei uns Einzug gehalten und die Kunden erkennen vermehrt die Vorteile des Online-Einkaufs mit dem gewohnten Service, auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten. WebShop und persönliches Einkaufen schließen sich bei uns nicht aus. Da sind wir Pioniere in der Branche.

PPMagazin: Als Unternehmer „unternehmen Sie etwas“, das muss man Ihnen ja zugestehen. Blicken wir auf den Einzelhandel in unserer Region, dann werden in vielen Fällen aus betriebswirtschaftlichen Gründen Arbeitsplätze eher abgebaut. Wir erwarten von Ihnen jetzt keine Tipps für Ihre Mitbewerber, aber mit dem Abstand zu den anderen Branchen eventuell Anregungen für die Kollegen um die Wirtschaftsstandorte auf der Schönbuchlichtung zu stärken.

Schittenhelm: In der Tat. Unsere moderne, zeitgemäße Herangehensweise an den Markt der Gegenwart und Zukunft zeigt Erfolge. Wir nutzen das Internet, das von anderen vielfach abgelehnt wird oder Online-Anbieter sogar bekämpft werden. Die Anzahl hochwertiger Arbeitsplätze hat bei uns zugenommen, weil fachkundige Beratung und Service mit persönlicher Note für den Kunden immer noch sehr wichtig sind.
Es ist schwer anderen Branchen am Ort Ratschläge zu geben, die dann wie „Schläge“ wirken können. Für das stationäre Gewerbe lohnt es sich darüber nachzudenken, wie wir mit den Kunden kommunizieren und Aufträge abwickeln. Das ist nicht nur eine Herausforderung für die Holzgerlinger Kollegen, sondern auch für das Gewerbe allgemein auf der Schönbuchlichtung 

 HolzgPunkteKärtlePPMagazin: Welche Aufgaben haben die örtlichen Gewerbevereine als lokale „Werbegemeinschaften“? Beispiel: Das Punktekärtle war vor einigen Jahren „die Idee“ um Kaufkraft zu binden und nachweislich auch tut. Seit einigen Jahren pendeln sich die Akzeptanzstellen im Bereich von 30 bis 35 Firmen ein. Warum werden es nicht spürbar mehr bzw. wie kann man die Stagnation in eine positive Entwicklung umwandeln?

Wird aus dem Holzgerlinger "Punkte Kärtle" ein "Schönbuch Punkte Kärtle" ?

 frägt nicht nur der Komunalpolitiker Schittenhelm

 

 

Schittenhelm: Das „Punkte Kärtle“ könnte von mir aus auf die Händler in den Nachbarorten ausgedehnt werden. Dann heißt es eben „Schönbuch Punkte Kärtle“. Wichtig ist, dass wir Kaufkraft auf der Schönbuchlichtung behalten. In Holzgerlingen sind die wichtigsten Geschäfte der Nahversorgung dem System angeschlossen. Wer noch dazu stoßen will ist herzlich willkommen. In Weil im Schönbuch oder Schönaich muss der Wille vorhanden sein sich am Erfolg dieses Kunden-Bindungssystems zu beteiligen.

Planung, Organisation und Durchführung von Marketingmaßnahmen sind die typischen Aufgaben eines Gewerbevereins. Der „Holzgerlinger Herbst“ – unser bislang wichtigster Tag im Jahr - ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man Unterhaltung, Aktionen und Gastronomie erfolgreich mit einem „Verkaufsoffenen Sonntag“ dem Markt präsentieren kann. Über die Gestaltung eines interessanten und ebenso erfolgreichen Weihnachtsmarktes dürfte jedenfalls noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Aktivitäten in der Social-Media-Szene gewinnen an Bedeutung und rücken immer stärker in den Fokus der Verbraucher. Hier müssen wir aufpassen, dass wir nichts versäumen.

PPMagazin: Das Ehrenamt hat in Holzgerlingen traditionell eine große Bedeutung und ist in vielen Vereinen nicht wegzudenken. Ist dieser Status auch bei einem Gewerbeverein angebracht oder sollten hier nicht professionellere Strukturen geschaffen werden? In erster Linie nicht „verwalten“, sondern Ideen entwickeln, Zusammenarbeit organisieren, Mitgliedsfirmen motivieren, Aktionen anschieben usw. Das ist im Ehrenamt doch nicht zu schaffen. Oder sehen Sie das anders?

Schittenhelm: Nein, das sehe ich nicht anders. Ehrenamt im HGH ist notwendig, anders sind alle sich stellende Aufgaben gar nicht zu schaffen. Wenn aber zu gegebener Zeit eine Art „Geschäftsführer“ mit nachgewiesenen Marketingkenntnissen aktuell wird, bin ich nicht dagegen. Da müssen die Gewerbetreibenden halt „Geld in die Hand“ nehmen. Wir bekommen im Wettbewerb mit anderen Städten nichts umsonst. Wenn wir nicht handeln, wird es unser Wirtschaftsstandort zu spüren bekommen.

 

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Bilder oben: Gefragt ist der Wochenmarkt am Freitag Nachmittag auf dem Rathausplatz

 

PPMagazin: Was muss passieren, dass die Gastronomie auf der Schönbuchlichtung durch den weiteren Verlust ihrer Vielfalt und Qualität nicht weiter an Bedeutung verliert? Pizzerien und Döner-Kioske nehmen zu, die Qualifikation der Küchenchefs ab, ebenso fehlt die klassische Wirtschaft, in der man sich „after work“, nach dem Training oder der Musikprobe trifft sowie kleine schmackhafte und preiswerte Gerichte verzehren kann?

Schittenhelm: Wollen sie es wissen? Ein Wunder muss passieren. Aber da steht Holzgerlingen nicht alleine da. Es liegt mir fern, die noch vorhandenen Betriebe zu beurteilen. Deshalb werde ich es auch nicht tun. Aber eines ist feststellbar: Es gibt genügend Luft nach oben. Und wie bei den anderen Geschäften auch, die Gäste stimmen mit den Füßen ab. Wer sich über zu wenig Kundschaft beklagt, muss sich zuerst selbst reflektieren. Ob eine Restaurant-Schließung oder eine Neuansiedlung ansteht, ist Privatsache möglicher Investoren. Da können weder die Stadt noch der HGH tätig werden. Wir haben im Gemeinderat das Thema auf dem Bildschirm. Um auf den Anfang meiner Antwort zurückzukommen „Wunder gibt es immer wieder“. Aber ich sehe derzeit keines auf uns zukommen.

 

MWA PortraitSept.19Eine bislang funktionierende

Nahversorgung scheitert zuerst

am Konsumentenverhalten.

Manfred Wanner PPM-Redaktionsleiter

 

 

 

 

 


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