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Aus dem Leben eines Kämpfers mit Handicap – berichtet Rena Weiss

„Ich finde es wichtig, positiv an Dinge heranzugehen. Zudem bin ich sehr neugierig aufs Leben und probiere gerne neue Dinge aus.“ Eigentlich braucht man den Holzgerlinger Tobias Riedel nicht fragen, was ihn im Leben antreibt, denn sein Charisma und seine Art sich auszudrücken, vermitteln bereits seine optimistische Anpacker-Mentalität.

Tobias ist 32 Jahre alt, wurde in Stuttgart geboren und hat dort auch die ersten Jahre seines Lebens verbracht. „Mein Vater ist Holzgerlinger und meine Mutter kommt aus der Nähe von Göttingen.“ So zog es die Familie bald wieder zurück nach Holzgerlingen, auch weil dort das vieljährige Familienunternehmen ansässig ist. Beruflich zog es Tobias Riedel jedoch in eine andere Richtung, vermutlich auch, weil ihn seine Eltern zur Selbstständigkeit erzogen und ihm alle Möglichkeiten offenließen.

Tobias BinderSagradaFamiliaBarcelonaMuskelkraft statt Elektromotor

Das ist nicht selbstverständlich, denn der Holzgerlinger lebt zeit seines Lebens mit einer Behinderung und sitzt im Rollstuhl. Ein Elektromotor ist es nicht, was den jungen Mann im Leben antreibt. Tobias setzt auf Muskelkraft und sagt immer wieder, auch zu freundlichen Helfern: „Das ist mein Sport für heute“. Er geht offen mit seiner Behinderung um und lässt es dabei nicht zu, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes tatsächlich eine Behinderung darstellt. „Ich hatte nie große Probleme, was meine Behinderung anging.“ Er sei sehr inklusiv aufgewachsen, ohne es überhaupt zu wissen. „Ich hatte eine infantile Zerebralparese. Das heißt, ich hatte nach der Geburt eine Gehirnblutung, die den Teil des Gehirns beeinträchtigt hat, der Impulse an die Beine sendet.“ Das sei keine Querschnittslähmung, erklärt er, „ich spüre meine Beine und kann sie auch bewegen, aber die Impulse werden nicht richtig geleitet und ich kann deswegen nicht gehen.“

Auf Umwegen zum Ziel

Infantile Zerebralparese gibt es in ganz unterschiedlichen Ausführungen, fügt er hinzu. Beruflich hat er wie viele andere Menschen auch, nicht immer den direkten Weg gewählt. „Mein großes Hobby, meine große Leidenschaft sind Freizeitparks.“ In diesen Sektor wollte Tobias Riedel beruflich einsteigen und entschloss sich für den Studiengang Internationale angewandte Freizeitwissenschaft, den es nur in Bremen gibt. „Das ist ein Studium, das speziell auf die Freizeit-, Tourismus- und Kulturbranche ausgelegt ist.“ Das Studium habe ihm gut gefallen, doch gelang es ihm nicht, in der Branche Fuß zu fassen. „Das lag auch daran, dass die großen Player in Süddeutschland keine Möglichkeit hatten, mir einen barrierefreien Arbeitsplatz anzubieten.“

Bild: Sagrada Familia in Barcelona

Wer Tobias Riedel kennenlernt, der merkt schnell, dass er sich nicht von einer solchen Sackgasse beeinflussen lässt, sondern einen neuen Weg sucht. Er fand Arbeit an der Hochschule Esslingen. Doch der Familienbetrieb blieb immer in Gedanken präsent: „Wenn man damit aufgewachsen ist, schwirrt es immer im Hinterkopf mit.“ Für ihn war klar „jetzt oder nie“ und er stieg in die Familien-Bäckerei mit ein. Vier Jahre lang arbeitete er dort. „Ich habe dann jedoch für mich entschieden, mich wieder umzusehen“, sagt Tobias Riedel über die Arbeit in der Bäckerei. Der 32-Jährige hätte es sich denkbar einfach machen können und im Familienbetrieb bleiben. Doch einfach machen, liegt Tobias nicht.

Er wollte sich beruflich umorientieren und fand seine aktuelle Stelle als Kreisbehindertenbeauftragter für den Landkreis Reutlingen. „Ein Freizeitpark ist es nicht“, sagt er scherzhaft und ergänzt, dass er sich beim Landratsamt sehr wohl fühle. „Ich genieße es, mit vielen unterschiedlichen Leuten in Kontakt zu treten. Zudem freut es mich, das Thema Inklusion und Barrierefreiheit mehr in den Fokus der Gesellschaft zu rücken“, bemerkt Riedel, der seit Januar 2019 Kreisbehindertenbeauftragter im Kreis Reutlingen ist.

Der kommunale Behindertenbeauftragte berate auf der einen Seite Menschen mit Behinderung im Landkreis und auf der anderen Seite den Landkreis zum Thema Behinderung und Barrierefreiheit. „Beruflich treibt mich die Begegnung mit vielen unterschiedlichen Menschen an, und sich für diese Gruppe von Menschen mit Behinderungen stark zu machen. Das finde ich sehr spannend.“ Zu sehen, dass sich beim Thema Inklusion etwas verändert, sei einer der Gründe, warum ihn sein Beruf ausfülle. Er versucht, alle Menschen mit Behinderung und dadurch auch alle Behinderungsarten mit einzubeziehen. „Das finde ich ganz arg wichtig, weil man dadurch auch immer wieder einen Perspektivwechsel bekommt.“

Tobias BinderMillennium BridgeLondonIn Deutschland gibt es diesbezüglich auch noch einiges zu tun. „Ich war letztes Jahr in Japan und habe gemerkt, dass gerade der öffentliche Nahverkehr super barrierefrei war. Ich hätte mit meinem Rollstuhl ohne Probleme alleine reisen können. Das Thema Behinderung war, wie ich es in zwei Wochen erlebt habe, komplett mitgedacht.“ Ein besonderes Erlebnis sei es zudem gewesen, weil er ausschließlich Begegnungen auf Augenhöhe hatte. Vergleicht man das mit Deutschland, fallen einem einige Missstände auf: „Wir sind noch lange nicht bei diesem Standard. Es hat sich trotzdem viel getan.“ Bild:Millenium Bridge London

 

Nervt es Tobias Riedel nicht, dass er an einen Rollstuhl gebunden ist? „Natürlich kommt man – und das ist auch menschlich – im Leben immer wieder in Situationen, an denen man nicht mit sich im Reinen ist und an denen etwas nicht passt. Auch ich hatte so Momente.“ Tobias Riedel sei immer klar gewesen, dass er eben nicht schnell mal die Treppe hochgehen kann. „Ich musste immer schauen, wo der Umweg oder ein Aufzug ist. Das war normal für mich.“ Daher ärgerte er sich darüber auch nicht, dass manche Dinge länger gebraucht haben oder er Umwege gehen musste, um dahin zu kommen, wohin er wollte - beruflich wie privat.

Denn seine Hobbys sind Reisen und Freizeitparks. Doch in Deutschland sei Letzteres schwierig für ihn: „Der TÜV gestattet es aus Sicherheitsgründen nicht, dass ein gehbehinderter Mensch mit Achterbahnen fährt, weil er sich aus einer Notlage selbst befreien können muss“, stellt Riedel fest. „Wenn ich also Achterbahnfahren möchte, muss ich ins Ausland“, dadurch stehen diese beiden Hobbys unweigerlich in Relation zueinander. Wenn er davon erzählt, ist keine Wut in seiner Stimme, dass er in Deutschland nicht Achterbahn fahren darf. Im Gegenteil, der 32-Jährige hat Verständnis für die Sicherheitsbestimmungen bei uns und lässt sich davon nicht die Laune vermiesen.

Nicht in einer Sackgasse verharren

„Für mich ist es wichtig, zu sehen, wie und wo es weiter geht“, sagt er über den einen oder anderen Umweg, der ihn auch mal in eine Sackgasse führte. „Doch was bringt es mir, in einer Sackgasse stehen zu bleiben“, statt einen anderen Weg zu finden. So auch an schlechten Tagen. Da helfen gute Begegnungen, gutes Essen und die Vorfreude auf die nächste Reise – auch und gerade in der aktuellen Situation. Zudem reflektiere er sich selbst und setzt sich mit seiner schlechten Laune gezielt auseinander, sagt Binder. „Ich frage mich, warum ich schlecht drauf bin.“ So könne er auch daran arbeiten und das gebe ihm wieder Energie.

INFO

Tobias hat noch eine verheiratete Schwester. Die Bäckerei wird seit über 100 Jahren von der Familie Binder geführt.

1993 – 2007 Schulzeit in Holzgerlingen und Abi am Schönbuch-Gymasium.
2008 Praktikum beim Kulturamt der Stadt Sindelfingen
2008 – 2012 Studium in Bremen, inklusiv Auslandssemester in Perth/Australien. Studium Int. angewandte Freizeitwissenschaft. Abschluss „Bachelor of Arts“.
2012 – 2014 Tätig im Referat Öffentlichkeitsarbeit und Marketing an der Hochschule Esslingen.
2014 – 2018 Filialbetreuung und Marketing beim Familienunternehmen Bäckerei Binder.

Zuständiges Referat im Kreis Böblingen:

Beauftragter für Menschen mit Behinderung, Reinhard Hackl. Telefon 07031/663-2337, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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