Hänel 

Susanne Hänel über ihren Weg in die Welt der Schatten

Holzgerlingen. Schließen Sie Ihre Augen mal für einige Minuten – sehr entspannend, oder? Wenn das Dunkel aber nicht nur des Nachts oder bei Bedarf sondern immer vorherrscht, dann ist das für jeden Sehenden erst einmal eine sehr erschreckende Vorstellung. Wie kann man so den Alltag meistern? Arbeiten? Seinen Hobbies nachgehen? Sich um Familie und Freunde kümmern?

„Es ist ziemlich schwierig und man ist auf Hilfe und Hilfsmittel angewiesen“, bekräftigt Susanne Hänel (im Bild rechts - links ihre Mutter). Die 47jährige weiß wovon sie spricht, denn sie kennt beide Seiten: die der Sehenden und die der Blinden. „Auf dem rechten Auge war ich schon immer blind“, erzählt sie. „Allerdings haben das linke Auge und das Gehirn sehr viel kompensiert, so dass diese Problematik erst recht spät auffiel.“

Dass auch das linke Auge eine Fehlbildung hatte stellte sich dann zügig heraus. Für das Kind damals völlig unproblematisch: Radfahren, auf eine ganz normale Schule gehen, sich mit Freunden treffen – alles kein Problem.

„Mückle“ als Warnzeichen

Erst 2003 war „irgendetwas seltsam… Ich hatte oft Kopfschmerzen und vor meinem Auge flimmerte es, als ob man dauernd so kleine Mückle im Gesichtsfeld um sich herumschwirren hätte.“ Zur Arbeit auf dem Holzgerlinger Wertstoffhof ging sie pflichtbewusst weiterhin. Aber der Alltag gestaltete sich zusehends schwieriger. Untersuchungen in der Uniklinik Tübingen brachten schlussendlich die traurige Gewissheit: Diagnose Netzhautablösung

Bei einer ersten Operation wurde Gas in das Auge gepumpt. Es sollte dafür sorgen, dass sich die Netzhaut wieder faltenfrei dort anlegt, wo sie eigentlich auch hingehört. Nach einem halben Jahr konnte sie sogar wieder ein bisschen etwas sehen. „5% Sehkraft ist besser als nichts“, freute sich die junge Frau, allerdings hielt die Freude nicht lange an, denn immer wieder löste sich die Netzhaut aufs Neue ab. Alle weiteren Operationen brachten auch keine Hilfe.

Ein neuer Arbeitsplatz

Ihren Arbeitsplatz musste sie aufgeben und sich etwas Neues suchen. 2006 begann sie bei den Gemeinnützigen Wohn- und Werkstätten (GWW), wo sie Akustikdichtungen für Autofenster zuschneidet. „Ich sage manchmal, dass ich bei einem Automobilzulieferer arbeite“, lacht sie. „Eine saubere und präzise Arbeit, bei der Genauigkeit gefragt ist.“

Hänel1Nur manchmal würde sie gerne etwas machen, das sie mehr fordert. „Aber das ist nicht ganz so einfach, denn nur wer Braille – also die internationale Blindenschrift beherrscht - der kann auch auf einem entsprechenden Platz arbeiten. Und genau diese Schrift hat Susanne Hänel nie gelernt. Anfangs weil sie nicht von Holzgerlingen weg wollte und heute scheitert es an den Kosten, denn so ein Kurs kostet rund 100 000 Euro.

Eine Summe, die das Arbeitsamt nicht zahlen möchte, da die 47jährige nach Abschluss der Ausbildung nicht mehr lang genug für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würde.

Hilfe zur Selbsthilfe

„Viele weitere Hilfsmittel hat sie dagegen fest in ihrem Alltag integriert: Ein Farberkennungsgerät berät sie bei der Auswahl ihrer Kleidung, ein Vorlesegerät ermöglicht es ihr, ihre Post selbst zu verwalten, die Uhr sagt die Zeit an und der Anrufbeantworter meldet sich, wenn Nachrichten auf sie warten. In der eigenen Wohnung ist sie autark – aber wie sieht es außer Haus aus?

Es sind oft die Kleinigkeiten, die mir helfen würden“, überlegt Susanne Hänel. „Offen aufeinander zugehen, mich im Ort so ansprechen, dass ich weiß, dass ich gemeint bin oder kurz einen Einkaufswagen auf die Seite schieben bevor ich anstoße – das wäre sinnvoll.

Sie plädiert zudem dafür, gerade Kindern die Krankheit zu erklären, anstatt sie unangenehm berührt auf die Seite zu ziehen – „es ist ja nicht ansteckend und Kinder können so etwas gut verstehen und sind sehr offen im Umgang.“

Vielleicht wird sich ja gerade in dieser Hinsicht bald etwas ändern, denn wenn alles klappt, wird irgendwann ein Blindenhund Susanne Hänel bei ihren Wegen durch die Stadt begleiten. Und es ist ja bekannt: Wer einen Hund hat, der kommt schnell ins Gespräch – gerade eben auch mit Kindern, die vielleicht einfach kurz mal „das vierbeinige Hilfsmittel“ streicheln wollen.


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