Drei Teilnehmer aus dem Kreis BB im Workcamp 2015

Heimstatt Bild für Anriss

Drei Wochen selbstloser Einsatz auf eigene Kosten. So sah der Urlaub 2015 für Jasmin, Marius und Christoph aus. Wir berichten darüber. Für die Camps 2016 werden wieder handwerklich begabte bzw. talentierte Menschen unterschiedlicher politischer Ansichten und Hintergründen gesucht.

Versöhnung und hilfreicher Austausch

Verein „Heimstatt Tschernobyl“ hilft in Weißrussland Fuß zu fassen

 

Heimstatt Teilnehmer mwaWir sind wie Nachbarn, unterstützen und packen mit an – aber wir bauen niemandem ein fertiges Nest“, erklärt Christof Schill die Arbeit des Vereins „Heimstatt Tschernobyl“. Von Dietrich von Bodelschwingh 1992 im westfälischen Bünde gegründet, wurde der Geschäftsvorsitz 2012 nach dessen Rückzug aus dem Geschehen nach Holzgerlingen verlegt und wird heute von Edeltraud Schill geleitet.

 

Bild: Jung, aber teilweise schon mit Camp- und Berufserfahrungen ausgestattet, drei Teilnehmer aus dem Kreis Böblingen. Von links: Marius, 22, aus Waldenbuch, Jasmin, 26, aus Ehningen, Franzi, 19, aus München und Christoph, 17, ebenfalls aus Waldenbuch.

 

Zusammen mit ihrem Mann engagiert sich Edeltraud Schill bereits seit 1998 für Menschen, die aufgrund der Reaktorkatastrophe im Jahr 1986 Haus und Heim verloren haben und ein neues Zuhause in einer nicht verstrahlten Umgebung suchen. „Ein Interview mit Herrn Bodelschwingh im Radio hat mich damals nicht mehr losgelassen“, erinnert sich die tatkräftige Frau. „Dieser Verein gab mir die Möglichkeit, mich sinnvoll zu engagieren und gleichzeitig hautnah Land und Leute in Weißrussland kennenzulernen.“ Kurz entschlossen überzeugte sie Ehemann Christof und die damals 11 und 13 Jahre alten Söhne Johannes und Cornelius, an einem Workcamp teilzunehmen – mit ungeahnten Auswirkungen: Aufgrund der Erfahrungen vor Ort haben beide Söhne sich für ein Studium der Gebäudeklimatik entschieden – und die Eltern sind inzwischen regelmäßige Gäste in der Region Lepel – rund 500 Kilometer von Tschernobyl entfernt.

 

Mauerwerk1Bild: Stein auf Stein - Sasha Atrashkevic (links) und Christoph Auch bei Mauerarbeiten in Weißrussland. Fotos: Laura Maier

 

Die Arbeit vor Ort ist vielschichtig. Hauptziel damals wie heute ist die Umsiedlung betroffener Familien in bewohnbare Häuser. Ehrenamtliche Helfer aus Deutschland packen beim Hausbau an. Garten- und Innenausstattung müssen die Familien vor Ort in Eigenregie zustande bringen. Klar, dass bei einer solchen Aktion jede Menge organisiert werden muss. „Vieles ist bürokratischer Papierkram“, berichtet Edeltraud Schill. „Die Kolchose stellt uns den Bauplatz in Erbpacht zur Verfügung, der Staat übernimmt die Kosten für Straßenanbindung, Strom, Wasser und Abwasser – aber alles andere läuft über die Schnittstelle Holzgerlingen. “Finanziert werden die Projekte durch Spendengelder und öffentliche Zuschüsse, etwa vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit oder aber über EU-Gelder und UN-Unterstützungs-Fonds.

 

DachdolenHausbauLEBEL01

 

Besonders zeitintensiv ist die Planung, denn die ehrenamtlichen Helfer müssen rekrutiert und natürlich auch vor Ort entsprechend untergebracht und verpflegt werden. Nichtsdestotrotz ist so ein Workcamp eben nicht nur körperliche Arbeit, sondern, „vor allem eine faszinierende Mischung unterschiedlichster Menschen, mit verschiedensten politischen Ansichten und Hintergründen, die jedoch alle an einem Strang ziehen“, resümiert Christof Schill. „Da ergeben sich jede Menge interessanter Diskussionen, aber auch viele Freundschaften – und sogar Ehen“, ergänzt seine Frau schmunzelnd.

HausbauLEBEL022015 ist Jahr 1 für den 17jährigen Schüler Christoph aus Waldenbuch: „Ich arbeite unheimlich gerne mit Holz und konnte mich hiermit im Camp gut einbringen. Inzwischen habe ich meine Ausbildung begonnen – eine Arbeit, die rein gar nichts mit Holzbearbeitung zu tun hat. Gerade deshalb war die Arbeit in Weißrussland umso spannender. “Besonders interessant fand der Schüler des IT-Berufskollegs, wie vorhandene Ressourcen vor Ort genutzt werden. Drei Wochen lang half er dabei, ökologisch und nachhaltig wertvolle Häuser zu errichten – „ein Knochenjob – aber eben auch Arbeit, die mir Spaß macht, bei der ich schon vieles wusste aber auch einiges dazugelernt habe und dieses Wissen kann mir niemand mehr nehmen.“

Sein Campkollege Marius, ebenfalls aus Waldenbuch ist bereits zum dritten Mal dabei. „Das Land ist toll und die Menschen sind wirklich sehr nett und gastfreundlich“, erklärt er seine Begeisterung für das Projekt und sein Engagement. „Urlaub nur am Strand ist nicht mein Ding – ich möchte gerne etwas leisten, das bleibt. Außerdem habe ich in den vergangenen Jahren in Lepel schon einige sehr gute Freunde gefunden – und von daher ist so ein Camp nicht nur Arbeit, sondern auch die Möglichkeit, meine Freunde wieder zu sehen.

“Ganz andere Motive veranlassten Laura Maier sich am Camp zu beteiligen. Sie möchte nach dem Abitur Kulturwissenschaften studieren und „da bietet es sich natürlich an, auch auf diese Art andere Kulturen kennenzulernen“, lacht die junge Frau. „Weißrussland hat nicht nur eine interessante Kultur sondern vor alles auch wunderschöne Städte und ist allemal eine Reise wert – mit

oder ohne Arbeitseinsatz.“

Seit 1992 sind durch die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Weißrussen bereits zwei komplette Siedlungen, eine am Naratsch-See und eine im Raum Lepel, entstanden – die erste mit rund 120, die zweite mit 160 Einwohnern. Hinzu kommt die passende Infrastruktur. „Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert wunderbar“, zieht die Vorsitzende Bilanz. „Es ist zwar eine Diktatur, aber es ist ein stabiler, funktionierender Staat. Die Leute sind versorgt, niemand muss hungern und die Behörden arbeiten zuverlässig.“

 

Investitionen in die Infrastruktur

LandkarteEin weiteres erfolgreiches Projekt war und ist die Produktion von Schilfplatten. „Dieser nachwachsende Rohstoff hat ein hervorragendes Dämmverhalten“, erklärt Christof Schill. „Durch die eigene Produktion konnten wir mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Anwohner vor Ort haben ein festes Beschäftigungsverhältnis und müssen nicht in die Städte abwandern und zudem haben wir regional vor Ort die Dämmplatten, die wir für den Hausbau benötigen.“

Häuser und Arbeit – und das ist noch lange nicht alles, denn auch bei anderen sozialen Bedürfnissen packt der Verein mit an: 2007 und 2013 wurden zwei Ambulanzen gebaut. Diese entsprechen in etwa deutschen Arztpraxen und sind in der Lage jeweils bis zu sechs Dörfer zu betreuen und zu versorgen. Zudem wurde in Drushnaja ein Gemeinschaftshaus und in Stari-Lepel das „Haus der Begegnung“ gebaut. Dort können sich ortsansässige Bewohner und Umsiedler bei Festen und Altennachmittagen näher kennenlernen und besser zusammenwachsen.


KONTAKT

Lust auf neue Erfahrungen? Spaß an neuen Begegnungen? Keine Angst vor körperlicher Arbeit? Dann einfach mal Kontakt aufnehmen! Edeltraud Schill sitzt bereits an den Planungen für das nächste Work-Camp.
Edeltraud Schill
ž   Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!    ž www.heimstatt-tschernobyl.org


Gut.gemischtWer glaubt, die meiste Arbeit sei getan, der kennt das Engagement und die Ideenvielfalt des Vereins und seiner Vorsitzenden noch nicht. Als nächstes ist geplant, die Sanierung alter, leerstehender Häuser in Angriff zu nehmen. „Isolieren, neue Leitungen verlegen und insgesamt bewohnbar machen ist hier das Ziel“, erklärt Edeltraud Schill. „Das ist zwar nicht günstiger, als ein Neubau, aber so erhalten wir einerseits alte Bausubstanz und Dorfstruktur und zeigen auch automatisch auf, dass solche Sanierungen ohne deutsche Hilfe gut machbar sind und von den Bewohner selbst in Angriff genommen werden können.“

 

HauseingangHausbauLEBEL03Ein weiteres Spezialprojekt in enger Zusammenarbeit mit der Kreisstadt Lepel ist der Aufbau einer Behindertenwerkstatt mitten im Ort. „Integration von Menschen mit Handicap ist hier das Schlagwort“, begeistert sich das Ehepaar. Wäscherei, Kunsthandwerk und Café – was genau entstehen wird ist noch unklar, aber der weißrussische Sozialamtsleiter hat zusammen mit einer Dolmetscherin im Stuttgarter Raum bereits Inspirationen gesammelt.

Zeichen der Hoffnung also auf der ganzen Linie: Einbindung von benachteiligten Menschen in das soziale Gesamtwesen, Hilfe für die Opfer von Atomkraftkatastrophen (2016 jährt sich Tschernobyl zum 30. und Fukushima zum 5. Mal), Unterstützung in Form von Hilfe zur Selbsthilfe und auch versöhnliche Zusammenarbeit für die Kriegsgegner des 2. Weltkrieges – der Verein „Heimstatt Tschernobyl“ kann sich viele positive Punkte auf seine Fahnen schreiben.

Dennoch, vergessen darf man nicht: Viel geleistet werden kann nur, wenn die Mittel vorhanden sind. In diesem Fall bedeutet das natürlich finanzielle Unterstützung, aber eben auch ehrenamtliches Engagement.

 

INFO

Weißrussland hat rund 9,5 Millionen Einwohner, davon 6 bis 7 Millionen in den Städten. Dort ist man inzwischen in der Gegenwart angekommen, auf dem Land ist der Lebensstandard dagegen immer noch weit abgeschlagen. Die Nicht-Abwanderung der Bevölkerung in Richtung Städte liegt der Regierung auch deshalb sehr am Herzen. Steine bekommt der Verein nur selten in den Weg geworfen – ganz im Gegenteil: 2000, 2001 und 2013 errichtete „Heimstatt Tschernobyl“ in Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation ÖkoBau und deren Tochterfirma ÖkoDomStroy die ersten drei Windkraftanlagen in Weißrussland. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist und die Gewinne werden für soziale Projekte genutzt. Inzwischen gibt es viele Nachahmer, die nach diesem Prinzip umweltfreundlichen Strom produzieren.

 

 


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